Napster hat seinen herkömmlichen Streaming-Betrieb eingestellt und setzt nun auf KI-generierte Musik. Damit ist der Frust der Bestandskund’innen vorprogrammiert. Aber maschinen-generierte Musik bieten auch neue Möglichkeit, die es sich lohnt zu entdecken. In diesem Artikel stelle ich Ihnen einen ersten kurzen, persönlichen Blick auf das Neue Napster vor.
Was ist KI-generierte Musik?
KI-generierte Musik ist Umgangssprache für Musik von generativen Modellen:

Das Neue Napster könnte die Musikwelt umkrempeln. Screenshot: Tim Ziemer
- Generierte Musik basiert oft auf tiefen neuronalen Netzen, wie Generative Adversarial Networks (GANs), Autoencoders (AE) oder Neural Autoregressive Density Estimation (NADE).
- Die Ergebnisse sind früheren Modellen, wie Hidden-Markov-Modellen (HMM), meist weit überlegen.
- Generative Modelle werden mit existierender Musik trainiert.
- Ein fertig trainiertes Modell kann prototypische Musik aus dem Trainingsdatensatz generieren, aber auch untypische.
Die Vorbereitung für das Training ist anspruchsvoll, denn Musik ist komplex:
- Sie besteht aus unzähligen Komponenten wie Text, Komposition, Instrumentierung und Arrangement, Interpretation, Produktion, Mixing und Mastering.
- In MIDI-Dateien sind viele Aspekte von Komposition, Instrumentierung und Arrangement hinterlegt, mitunter auch Text und einige Mixing-Einstellungen.
- In Audio-Dateien sind sämtliche Informationen implizit enthalten. Die Extraktion aus Zeitreihen und Spektrogrammen ist aber nach heutigem Stand der Technik unvollständig und fehlerhaft.
- Lyrics sind auf vielen Websites in Textform zu finden.
- In sozialen Netzwerken, Foren, auf Wikis und auf Streaming-Plattformen sind zudem Angaben über Genre, Stimmung, Nationalität, Komponist’in, Sänger’in, Produzent’in, Musikepoche etc. zu finden.
- Ein hybrider Ansatz aus MIDI-, Audio- und Textanalysen ist vielversprechend, aber sehr schwierig in einem Modell zu vereinen.
Was ist das Neue Napster?
Das Neue Napster ist eine Art Mischung aus Streaming-Service, Musikspiel und Musizier-Assistenz:
- Sie können wie im herkömmlichen Streaming Musik hören. Nur ist die Musik nicht menschengemacht. „Artists“ sind wahrscheinlich mehr oder weniger einheitliche Ergebnisse eines Generativen Modells.
- Wie zuvor, können Sie Musik explorieren, Playlists erstellen und Entdeckungen teilen.
- Auf dem Home-Bildschirm können Sie aber auch virtuellen Musiker’innen beauftragen, Musik nach Ihren Vorlieben zu machen.
- Geben Sie Themen (für die Lyrics), Stimmung, und/oder Stil vor. Ich habe „Voltage“ gesagt, dass ich es genieße, Brettspiele mit meinen Kindern zu spielen, und dass ich diese Vorliebe im UK-Hardcore-Stil der frühen 1990er mit 155 BPM haben will. Das Ergebnis war direkt die beste KI-Generierte Musik, die ich bisher gehört habe (und ich forsche seit 11 Jahren auf dem Gebiet). Mir persönlich gefielen mir bisher vielleicht 1 von 8 Tracks sehr gut. Das ist deutlich besser als die Quote als meine Erfahrungen mit Vorschlägen von Spotify oder YouTube Music, oder anderen kommerziellen Musik-Generierungstools, wie Suno AI und AIVA.
Vor- und Nachteile des Neuen Napsters
Das Neue Napster bietet viele Möglichkeiten, ist aber als fragwürdig einzustufen:
- Wenn Sie Ihren Musikgeschmack gut beschreiben können, ist Napster Ihre Chance, „neue Oldies“ zu generieren. Denn die KI wurde bestimmt mit Musik in Stilen trainiert, die verbreitet war und als zusammengehörig dokumentiert ist.
- Sie können Sie Chicago Jazz der 1930er, Electronic Body Music der 1980er oder Big Beat im 1990-Stil neu aufleben lassen.
- Aber: Es lässt sich spekulieren, dass die KI-Modelle mit den über 100 Millionen Songs trainiert wurden, die Napster ehemals lizenziert hatte. Dieses Vorgehen wäre moralisch fragwürdig und wahrscheinlich gesetzeswidrig und erinnert somit an Napsters Ursprünge aus der Jahrtausendwende.
- Das deutsche Urheberrecht ist ein Persönlichkeitsrecht, weshalb Musiker’innen wahrscheinlich die Nutzung ihrer Werke zu KI-Trainingszwecken untersagen dürfen. Welche spezifischen Stücke das KI-Modell jedoch genau verwendet hat, wird schwer nachzuweisen sein.
- Allerdings wird auch Anbietern von namenhaften Large Language Modellen (LLM), wie Open AIs ChatGPT und Googles Gemini, vorgeworfen, in großem Stil urheberrechtlich geschütztes Material ohne Einwilligung zum Trainieren genutzt zu haben.
- Daher laufen mehrere Gerichtsverfahren von Verlagen gegen die großen Anbieter. Es ist auch mit Androhung von Klagen der großen Musikverlage zu rechnen. Inzwischen klagt die GEMA bereits gegen Suno AI, deren Prinzip dem von Napster stark ähnelt.
- Etwas kritisch sehe ich auch die „Companions“ in der Napster-App, die so eine Art virtuelle Berater zu sein scheinen.
- Für Musiker’innen und Produzent’innen kann Napster eine Assistenz-App sein, aber auch eine Konkurrenz. Streaming-Zahlen könnten sinken; wobei ein Großteil der Musikbranche ohnehin auf Live-Musik oder DJ-Booking setzt und nicht auf Vergütung von Streams.
- Der Musikmarkt könnte wie durch die Musikkassette und MP3 einen starken Wandel durchlaufen. Dennoch bin ich überzeugt, dass die meisten talentierten Künstler’innen den Aufruhr heil überstehen; denn die Überlegenheit der Menschen über die heutigen Maschinen ist ihre Kreativität und das Setzen neuer Trends. Die KI wird vorerst nur ein paar derjenigen ersetzen, die bereits jetzt Trends hinterherlaufen.
Erfahrung mit dem Neuen Napster
Erfahrung mit dem Neuen Napster kann Ihnen viel über sich selbst verraten:
- Wenn für Sie die soziale Komponente von Musik entscheidend ist, wird KI-Musik Ihnen wohl wenig bieten. Es sei denn, Napster schafft es, die Social-Network-Aspekte gut auszuspielen, oder gar virtuelle Konzerte wie von Hatsune Miku anzubieten.
- Napster kann Ihnen auch Ihre musikalische Bildung(slücken) aufzeigen: Je treffsicherer Ihre Beschreibung, desto weniger überraschend das Ergebnis, je weiter Ihr musikalischer Horizont, desto abwechslungsreicher kann die von Ihnen generierte Musik sein.
- Wenn Sie Metal mögen, bevorzugen Sie Power-Metal, Thrash-Metal, Doom-Metal, oder Metalcore? Welche Jazz-Stile kennen Sie?
- Ich hatte heute das erste Mal Gänsehaut von einem der KI-generierten Songs bekommen. Die Lyrics basieren zwar auf meinen Vorstellungen und ich habe Genre und Stimmung vorgegeben; dennoch muss ich mir eingestehen, dass ich offensichtlich auf die „musikalischen Tricks“ hereinfalle. Sowohl bei Mensch als auch Maschine.
- Je neuer Ihre Lieblingsmusik ist, desto unzufriedener werden Sie mit Napster sein. Denn Training dauert Zeit und braucht viele Trainingsdaten. Die neusten Musiktrends kann Napster nicht bedienen.
Abschließend noch ein paar Gedanken zur Rechtslage: Das deutsche Urheberrecht ist im Vergleich zum Copyright ein Persönlichkeitsrecht. Maschinen besitzen es nicht. Sofern die von Napster generierte Musik selbst kein Plagiat darstellt, müssten Sie es nachspielen dürfen, ohne dabei Urheberrechte zu verletzten. Das ist aber meine persönliche Einschätzung. Ich bin kein Jurist und gebe keine Rechtsberatung. Verteidigen werden sich Napster und co. wahrscheinlich durch Berufung auf die Fair-Use-Doktrin im Copyright Law, die die Nutzung eines Copyright-geschützten Werks erlaubt, wenn 1.) kein substanzieller Teil des Originals übernommen wurde, 2.) sich das Ergebnis in Ausdruck, Bedeutung oder Botschaft unterscheidet (transformative use genannt) und 3.) das Ergebnis nicht droht das Original zu verdrängen. Hier agiert Napster geschickter als Suno AI, weil Suno selbst andeutet, dass generierte Musik Streamingdiensten Konkurrenz macht, während Napster von „Musical Companions“ sprechen, die App also als Unterstützung zum aktiven Musizieren darstellen, als als Konkurrenz für Musiker. Ungeachtet des Copyrights erlaubt das deutsche Urheberrecht auch die ideelle Verteidigung eines Werks, die selbst Lizenzvereinbarungen aussticht: Wenn ich als Musiker zum Beispiel nicht will, dass meine Musik in einem bestimmten politischen Kontext genutzt wird, kann ich die Nutzung untersagen, selbst wenn mein Musikverlag sämtliche Rechte zur Distribution meiner Musik hat. Musiker’innen sollten also ungeachtet jeglicher Lizenzierungen die Nutzung ihrer Musik zum Training einer KI untersagen können.
Ein Musikalischer Ausblick
Besonders der Lo-Fi-Markt wird durch KI-generierte Musik noch schneller überfüllt werden. Mittelmäßige und wenig kreative und innovative Musizierende haben von KI-Musik sicher am meisten zu fürchten, genauso wie Musiker’innen, die nur auf Clicks setzen, anstatt ein Netzwerk mit Branchenkontakten und Fanbase zu pflegen. Gerichtsprozesse und/oder außergerichtliche Einigungen werden zeigen, ob, wie und wo KI-Musik weiter bestehen darf. Eventuell wird sie durch Lizenzierung sehr teuer, oder in bestimmten Ländern verboten.
Nicht zu unterschätzen sind auch die kreativen Möglichkeiten KI-generierter Musik: In den Anfängen der House- und Technomusik haben Disk-Jockeys (DJs) Disco-, High-NRG-, Electronic -Body-Music-, Electro-Stücke ausgewählt, Teile verwendet, aneinandergereiht und mit Effekten versehen. Erst im Laufe der Zeit fingen DJs an, Musik selber zu produzieren, die auf das für sie Wesentliche aus den anderen Musikgenres reduziert wurde. Gründe für diese Reduzierung mag eine Mischung aus Geschmack, asthetischen Idealen, musikalischem Unvermögen und kargem Equipment gewesen sein. Die Musik wurde oft als primitiv oder gar Lärm abgetan. Der Erfolg gab ihnen jedoch recht und House und Techno wurden zu eigenständigen Genres, die die heutige Musikwelt prägen. Bei der KI-generierten Musik könnte sich eine ähnliche Entwicklung abspielen. Es könnten sich Künstler’innen hervortun, die mit den KI-Modellen besonders gut umgehen können. Wenn sie dann noch die Massen ansprechen, zum Beispiel durch Charisma, spannende Social-Media-Beiträge, und geschicktes Marketing, zum Beispiel durch einen ansprechenden Avatar, der neben der Musik auch Interview gibt, die Musik in Hörspielen oder Cartoons einbaut, oder vielleicht sogar auf Tour geht, könnten in Zukunft ein paar KI-Musiker’innen mit Komponisten, Rock-Bands und DJs koexistieren.